Laufen nicht mehr möglich weil die Hüfte schmerzt?

Schmerz an der Hüftaußenseite

 

Trochanter-major-Syndrom, Bursitis trochanterica und Ansatztendinopathien von Gluteus medius und Piriformis

Schmerzen an der Außenseite der Hüfte gehören zu den häufigen Beschwerden in der orthopädischen Praxis. Viele Betroffene berichten über einen ziehenden oder stechenden Schmerz im Bereich des seitlichen Hüftknochens, der beim Gehen, Laufen, Treppensteigen oder Liegen auf der betroffenen Seite auftritt. Häufig fällt in diesem Zusammenhang der Begriff Bursitis trochanterica. In vielen Fällen steckt jedoch mehr dahinter: Nicht selten handelt es sich um ein Trochanter-major-Syndrom mit Reizung von Schleimbeutel, Sehnenansätzen und myofaszialen Strukturen.

Gerade bei sportlich aktiven Menschen, insbesondere bei Sportler*innen die Leichtathlet, Kamfsport oder auch repetetive federnde exzentrische Beckenbewegungen ausüben (z.B. Badminton, Tennis, Torwart) , sehe ich häufig chronische Überlastungserscheinungen in diesem Bereich.

Aber auch funktionelle Störungen des Beckens, beginnende Hüftarthrose oder Probleme im Bereich von ISG und Lendenwirbelsäule können zu einem sehr ähnlichen Beschwerdebild führen.

In diesem Artikel möchte ich erläutern, was hinter diesen Beschwerden steckt, welche Strukturen besonders häufig betroffen sind und welche konservativen Behandlungsmöglichkeiten sinnvoll sein können.

 

 

Was ist das Trochanter-major-Syndrom?

 

Der Trochanter major ist der gut tastbare seitliche Knochenvorsprung am Oberschenkelknochen. An ihm setzen wichtige Muskeln und Sehnen an, die für die Stabilität des Beckens und die Kontrolle der Hüfte beim Gehen und Laufen entscheidend sind. Vor allem der M. gluteus medius, aber auch andere Abduktoren und Rotatoren spielen hier eine zentrale Rolle.

Unter einem Trochanter-major-Syndrom versteht man ein Beschwerdebild mit Schmerzen im Bereich dieses seitlichen Hüftansatzes. Dabei können verschiedene Strukturen beteiligt sein:

  • Schleimbeutelreizungen (Bursitis trochanterica)
  • Ansatztendinopathien, insbesondere des M. gluteus medius
  • Reizzustände tiefer Hüftrotatoren, z.B. im Bereich des M. piriformis
  • myofasziale Spannungsstörungen
  • funktionelle Überlastung bei Fehlbelastung oder muskulärem Ungleichgewicht

In der Praxis findet man häufig keine isolierte Einzeldiagnose, sondern ein funktionelles Zusammenspiel mehrerer gereizter Strukturen.

 

Bursitis trochanterica – wenn der Schleimbeutel mitreagiert

 

Im Bereich des Trochanter major liegen Schleimbeutel, die als „Gleitlager“ zwischen Knochen, Sehnen und Weichteilen dienen. Werden diese Strukturen über längere Zeit mechanisch gereizt, kann es zu einer Bursitis trochanterica kommen.

Typische Beschwerden sind:

  • Druckschmerz an der Außenseite der Hüfte
  • Schmerzen beim Liegen auf der betroffenen Seite
  • Beschwerden beim Gehen, Treppensteigen oder längeren Laufen
  • manchmal Ausstrahlung in den lateralen Oberschenkel

Wichtig ist aber: Die Schleimbeutelentzündung ist oft nicht die eigentliche Primärursache, sondern eher Ausdruck einer länger bestehenden funktionellen oder tendinösen Überlastung.

 

Ansatztendinopathie von Gluteus medius und Piriformis

 

Besonders häufig sehe ich bei diesen Beschwerden eine Ansatztendinopathie des M. gluteus medius. Dieser Muskel ist entscheidend für die Beckenstabilität beim Einbeinstand und damit bei jedem Schritt. Gerade bei Läuferinnen und Läufern, Leichtathleten und Menschen mit wiederholter einseitiger Belastung kann eine chronische Überforderung entstehen.

Gluteus medius

Wenn der Gluteus medius nicht mehr ausreichend belastbar ist oder über lange Zeit unter ungünstigen Bedingungen arbeiten muss, entstehen:

  • Schmerzen am seitlichen Hüftansatz
  • Beschwerden beim Laufen, Springen oder Stehen auf einem Bein
  • Druckschmerz am Trochanter major
  • funktionelle Beckeninstabilität

Piriformis

Auch der M. piriformis kann im Rahmen funktioneller Hüft- und Beckenbeschwerden eine Rolle spielen. Er wirkt als Außenrotator und Stabilisator der Hüfte. Bei chronischer Überlastung, Beckenasymmetrie oder kompensatorischen Bewegungsmustern kann es zu Reizzuständen am Muskelansatz oder im Verlauf kommen.

Die Beschwerden sind dann häufig diffuser und können kombiniert auftreten mit:

  • Gesäßschmerz
  • ziehendem Schmerz in die seitliche Hüftregion
  • Spannungsgefühl in Becken und Hüftrotatoren
  • Verschlechterung bei Laufbelastung oder längerem Sitzen (Beine übereinander schlagen)

Warum tritt das besonders bei Sportlern und Leichtathleten auf?

 

Bei Leichtathletinnen und Leichtathleten wirken hohe, wiederholte Belastungen auf Hüfte und Becken. Sprinten, Sprungdisziplinen, Tempowechsel, Kurvenläufe (immer in eine Richtung) und intensive Laufumfänge stellen hohe Anforderungen an:

  • Beckenstabilität
  • Hüftabduktoren
  • Rotatoren
  • Koordination der Beinachse
  • Belastbarkeit der Sehnenansätze

Wenn zusätzlich eine muskuläre Dysbalance, eine ungenügende Regeneration oder ein ungünstiger Laufstil vorliegt, können sich chronische Überlastungserscheinungen entwickeln. Diese zeigen sich oft nicht sofort akut, sondern schleichend:

  • zunächst nur nach Belastung
  • später auch während des Sports
  • irgendwann auch im Alltag, nachts oder beim Liegen auf der Seite

Gerade in dieser Phase wird die Problematik häufig zu lange „durchtrainiert“, sodass sich ein chronisches Beschwerdebild etabliert.

 

Die Rolle von Beckenasymmetrie, ISG, LWS und beginnender Hüftthrose

 

Seitliche Hüftschmerzen entstehen oft nicht isoliert. In meiner Praxis ist es wichtig, die Beschwerden immer im Zusammenhang mit der gesamten funktionellen Kette zu betrachten.

Beckenasymmetrie

Eine funktionelle Beckenasymmetrie kann dazu führen, dass eine Seite dauerhaft stärker belastet wird. Das kann sich auf die Spannung von Glutealmuskulatur, Piriformis, Iliotibialband und anderen Strukturen übertragen.

ISG- und LWS-Funktionsstörungen

Auch Iliosakralgelenk (ISG) und Lendenwirbelsäule (LWS) können eine wichtige Rolle spielen. Funktionelle Störungen in diesen Regionen verändern häufig:

  • das Gangbild
  • die Beckenmechanik
  • die Muskelspannung im Bereich von Gesäß und Hüfte
  • die Belastungsverteilung an den Sehnenansätzen

Beginnende Hüftarthrose

Nicht selten ist auch eine beginnende Hüftarthrose mit beteiligt. Die Hüfte wird dann in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt, es entstehen Ausweichmuster und Überlastungen am seitlichen Hüftapparat. In solchen Fällen ist die Reizung am Trochanter major häufig nicht die alleinige Ursache, sondern Teil eines größeren funktionellen Problems.

 

Warum eine genaue Diagnostik wichtig ist

 

Schmerzen an der Außenseite der Hüfte werden oft vorschnell nur als Schleimbeutelentzündung behandelt. Tatsächlich ist es wichtig, genauer hinzuschauen:

  • Welche Struktur ist wirklich gereizt?
  • Liegt eine Ansatztendinopathie vor?
  • Besteht eine funktionelle Becken- oder LWS-Problematik?
  • Gibt es Hinweise auf eine beginnende Hüftarthrose?
  • Welche Rolle spielen Laufstil, Belastungsmuster und muskuläre Balance?

Zu einer sinnvollen Untersuchung gehören unter anderem:

  • genaue Anamnese
  • Inspektion von Haltung, Gangbild und Beinachse
  • Funktionsprüfung von Hüfte, Becken, ISG und LWS
  • Untersuchung der Glutealmuskulatur und Hüftrotatoren
  • Palpation der Sehnenansätze und myofaszialen Strukturen
  • ggf. Sonographie oder weitere Bildgebung

Behandlung: Warum aktive Maßnahmen so wichtig sind

 

Gerade bei chronischen Beschwerden ist es entscheidend, nicht nur symptomatisch, sondern ursachenorientiert zu behandeln. Ein rein passiver Ansatz reicht meist nicht aus.

Dehnung der Gegenspieler

Wenn der Gluteus medius oder Piriformis überlastet ist, findet man häufig verkürzte oder überaktive Gegenspieler bzw. kompensatorische Muskelgruppen. Eine gezielte Dehnung der Gegenspieler kann helfen,

  • Spannungen zu regulieren
  • Bewegungsräume zu verbessern
  • Zug auf den schmerzhaften Ansatz zu reduzieren

Wichtig ist dabei: Dehnung sollte nicht pauschal, sondern befundorientiert erfolgen.

Verbesserung der muskulären Beckenbalance

Ein zentraler Punkt ist die muskuläre Balance des Beckens. Dazu gehören:

  • Kräftigung der Glutealmuskulatur
  • Verbesserung der seitlichen Beckenstabilität
  • Training der Beinachsenkontrolle
  • Koordination von Hüfte, Becken und Rumpf

Gerade bei Läuferinnen und Läufern ist eine gute Beckenstabilität entscheidend, um die Belastung auf die Hüftansätze sinnvoll zu verteilen.

Laufstilverbesserung

Bei sportlich aktiven Patient sollte auch der Laufstil berücksichtigt werden. Manchmal lassen sich Beschwerden nur dann nachhaltig verbessern, wenn ungünstige Bewegungsmuster verändert werden, zum Beispiel:

  • übermäßiges Einsinken des Beckens
  • ungünstige Schrittlänge
  • schlechte Beinachsenkontrolle
  • asymmetrische Belastung

Eine Laufstilverbesserung kann helfen, die mechanische Überlastung der betroffenen Strukturen deutlich zu reduzieren.

 

Akupunktur und Dry Needling

 

Akupunktur und Dry Needling können bei chronischen Reizzuständen an der Hüfte sinnvoll eingesetzt werden.

Akupunktur

Akupunktur kann helfen,

  • Schmerzen zu lindern
  • muskuläre Spannungen zu regulieren
  • lokale Reizzustände zu beeinflussen
  • die Belastbarkeit im Alltag und Training zu verbessern

Dry Needling

Dry Needling ist besonders interessant bei myofaszialen Triggerpunkten und schmerzhaften Muskelspannungen, zum Beispiel im Bereich von:

  • Gluteus medius
  • Piriformis
  • tensor fasciae latae
  • angrenzenden lumbopelvinen Muskelketten

Gerade wenn chronische Überlastungserscheinungen mit deutlicher muskulärer Schutzspannung einhergehen, kann Dry Needling ein sinnvoller ergänzender Bestandteil des Behandlungskonzepts sein.

 

Osteopathische Behandlung: Becken, viszerale Zusammenhänge und Funktionsketten

 

Die osteopathische Behandlung kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn funktionelle Zusammenhänge im Vordergrund stehen.

Parietale Behandlung (mechanische Betrachtung)

Im parietalen Bereich geht es um den Bewegungsapparat, also z.B.:

  • Becken
  • Hüfte
  • ISG
  • LWS
  • myofasziale Ketten
  • funktionelle Gelenk- und Gewebebeweglichkeit

Viszerale Zusammenhänge

Je nach Befund können auch viszerale Bezüge des Beckens eine Rolle spielen, etwa wenn Spannungen im kleinen Becken oder funktionelle Zusammenhänge im lumbopelvinen Bereich das Beschwerdebild beeinflussen. In solchen Fällen kann eine osteopathische Behandlung des Beckens auch über viszerale Zusammenhänge sinnvoll sein.

Wichtig ist: Osteopathie ersetzt keine aktive Therapie, kann aber dabei helfen, funktionelle Einschränkungen und kompensatorische Muster besser zu erkennen und zu behandeln.

 

 

Lokale fokussierte Stoßwellenbehandlung bei Therapieresistenz

 

Wenn die Beschwerden trotz sinnvoller konservativer Maßnahmen fortbestehen, kann eine lokal fokussierte Stoßwellenbehandlung bei therapieresistenten Sehnenansatzbeschwerden insbesondere bei schon eingetretenen Gewebeveänderung eine sehr wirksame Option sein.

Gerade bei chronischen Ansatztendinopathien im Bereich von:

  • Gluteus medius
  • Trochanter major
  • angrenzenden Sehnenansätzen

sehe ich häufig gute Effekte, wenn die Stoßwelle gezielt und indikationsgerecht eingesetzt wird.

Ziel ist es,

  • chronische Reizzustände zu beeinflussen
  • Heilungs- und Regenerationsprozesse zu stimulieren
  • die Belastbarkeit der betroffenen Struktur zu verbessern

Wichtig ist aber auch hier: Die Stoßwellentherapie ist kein isoliertes Wundermittel, sondern am wirksamsten im Rahmen eines Gesamtkonzepts mit aktiver Therapie, funktioneller Korrektur und Behandlung der zugrunde liegenden Ursache.

 

 

Fazit

 

Schmerzen an der Außenseite der Hüfte sind oft mehr als nur eine „Schleimbeutelentzündung“. Hinter einem Trochanter-major-Syndrom können sich Reizzustände von Schleimbeutel, Sehnenansätzen und myofaszialen Strukturen verbergen – häufig mit Beteiligung von Gluteus medius, Piriformis, Beckenmechanik, ISG/LWS und funktionellen Belastungsketten.

Besonders bei Sportlerinnen, Sportlern lohnt es sich, chronische Überlastungserscheinungen frühzeitig ernst zu nehmen und nicht nur lokal symptomatisch zu behandeln.

Sinnvolle konservative Maßnahmen können sein:

  • Dehnung der Gegenspieler
  • Verbesserung der muskulären Beckenbalance
  • Laufstilverbesserung
  • Akupunktur / Dry Needling
  • osteopathische Behandlung von Becken und Funktionsketten
  • bei Therapieresistenz lokal fokussierte Stoßwellenbehandlung

Entscheidend ist am Ende eine gründliche Diagnostik und ein individuelles Behandlungskonzept, das nicht nur die schmerzende Struktur, sondern die gesamte funktionelle Situation berücksichtigt.

 

Gerne berate und behandele ich Sie in meiner Praxis Osteopoint!